Was steckt wirklich hinter „Vorteilspacks“?


„Nur für kurze Zeit: Jetzt 75 g mehr!“

Egal ob Zahnpasta, Nussnugatcreme oder Bodylotion: Die sogenannten „Vorteilspacks“ sind weit verbreitet. Doch warum machen Händler das? Hat der Hersteller vielleicht etwas zu verschenken?

Wir haben Konsumenten gefragt, was ihrer Ansicht nach hinter den sogenannten Vorteilspacks steckt und gehen den drei häufigsten Hypothesen an dieser Stelle einmal nach, bevor wir Ihnen erklären, was leider allzu häufig der wirkliche Grund für die sogenannten „Vorteilspacks“ ist.

Hypothese 1: Der Hersteller reagiert mit Vorteilspacks auf Wettbewerbsdruck

Diese Hypothese hat tatsächlich einiges für sich: Tatsächlich zeigen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, dass der freie Leistungswettbewerb dazu führt, dass qualitativ hochwertige Produkte zu einem sehr günstigen (idealerweise zum günstigsten möglichen) Preis am Markt angeboten werden. Auf den ersten Blick steht diese Hypothese also im Einklang mit dem was die eine oder der andere in der Schule oder an der Universität über das Funktionieren der Marktwirtschaft gelernt hat.

Im Ergebnis ist leider trotzdem nicht viel dran an dieser Hypothese. Sogenannte Vorteilspacks sind nämlich in der Regel größer als die üblichen Gebinde. Wenn es etwas gibt was Hersteller wirklich ungern tun ist es, die Produktionsanlagen auf neue Verpackungen umzustellen. Die Verpackungen müssen aufwendig designt werden und oft können sie nur schwieriger befüllt werden. Industrielle Massenproduktion ist auf strikte Standardisierung ausgelegt. Solche Unterbrechungen des üblichen Ablaufs wird ein Hersteller nur unwillig über sich ergehen lassen.

Nun mag man einwenden, der Wettbewerbsdruck sei möglicherweise so stark geworden, dass der Hersteller die Kosten für eine Produktionsumstellung in Kauf nehmen muss. Aber auch hier ist meist nichts dran am Argument. Wenn der Hersteller nämlich (wettbewerbsbedingt) den Preis etwa für Nussnugatcreme senken möchte, um gegenüber einem Mitbewerber einen Vorteil zu erlangen, so hindert ihn nichts daran, den Preis zu senken und beim alten Gebinde zu bleiben. Verkauft er also das Produkt in einem 125 g Gebinde, kann er den Preis für dieses Gebinde problemlos senken und muss dafür keineswegs neue und aufwändige Gebinde anschaffen. Der Wettbewerbsdruck ist also keine Erklärung für sogenannte „Vorteilspacks“.

Hypothese #2: Der Hersteller versucht Überproduktionen in den Markt zu drücken

Wer bleibt schon gerne auf Sachen sitzen? Niemand! Natürlich auch Hersteller nicht. Und gelegentlich verrechnen sich auch große Industrieunternehmen. Vielleicht steckt also eine Fehlkalkulation des Unternehmens hinter den Vorteilspacks?

Viele von uns möchten gerne an das Märchen vom Bankirrtum zu den eigenen Gunsten glauben, doch außerhalb des Monopoly-Spielens sind derartige Irrtümer kaum jemandem jemals begegnet. Und ebenso ist es bei den sogenannten Vorteilspacks, in denen meist Produkte von sehr großen Industriekonzernen stecken, die über weltweite Absatzkanäle verfügen. Kaum etwas dürfte besser geplant und durchgerechnet sein, als die industrielle Massenfertigung von Verbrauchsgütern in einem Großkonzern. Wir möchten nicht sagen, dass es nie vorkommt, aber Sie sollten davon ausgehen, dass entsprechende Fehlkalkulation, die zu einer Überproduktion führen, extrem selten sind. Seltener zumindest als die zahlreichen „Vorteilspacks“.

Außerdem erklärt diese Hypothese nicht, warum für die sogenannten Vorteilspacks extra besondere Gebinde hergestellt werden. Wenn es wirklich zu einer Überproduktion gekommen wäre, dann lägen die Überstücke in genau demselben Gebinde vor wie alle anderen Produktionseinheiten.

Hypothese #3: Der Hersteller als Menschenfreund

Wir hätten es tatsächlich kaum geglaubt, wenn man es uns vorher gesagt hätte, aber bei einer (zugegebenermaßen nicht repräsentativen) Umfrage unter (insgesamt 21) Konsumenten erhielten wir tatsächlich oft die Antwort, der Verbraucher halte es für möglich, dass der Hersteller z.B. für langjährige Treue belohnen wolle oder über Vorteilspacks die Möglichkeit gäbe, an einem besonders positiven Geschäftsergebnis des Unternehmens teilzuhaben.

Wir möchten uns an dieser Stelle nicht darauf beschränken, zu betonen, dass kaum jemand etwas zu verschenken hat, schon gar nicht internationale Großkonzerne. Die ungeschminkte Wahrheit ist nämlich noch viel perfider: Ein angestellter Geschäftsführer bzw. ein angestelltes Vorstandsmitglied, das sich so verhalten würde, wie es tatsächlich viele Verbraucherinnen und Verbraucher für möglich halten und sozusagen aus purer Nettigkeit auf Geld verzichtet, müsste damit rechnen, sich wegen Untreue strafbar zu machen. Tatsächlich gehören diesen Leuten die Unternehmen, für die sie arbeiten, in aller Regel nämlich nicht und wenn sie so auf Einnahmen verzichten würden, bedeutete dies einen konkreten Schaden für das Unternehmen. Dass Ihnen ein Unternehmen also tatsächlich aus Nettigkeit und Nächstenliebe etwas schenkt, ist reichlich unwahrscheinlich.

Außerdem kauft der Konsument fast nie unmittelbar beim Hersteller, sondern bei einem Händler – und der Handel war stets gut darin, Preisvorteile, die beim Hersteller entstehen, vollständig in die eigene Tasche fließen zu lassen. Aus exakt demselben Grund ist es leider einer Tatsache, dass Subventionen, die einem Hersteller gewährt werden, so gut wie niemals beim Verbraucher ankommen.

Das steckt wirklich dahinter

Die Wahrheit hinter den sogenannten Vorteilspacks ist nüchtern: In aller Regel dienen sie dazu, eine Preiserhöhung vorzubereiten. Tatsächlich sind viele Konsumentinnen und Konsumenten relativ gut darin, Preiserhöhungen zu erkennen. Voraussetzung dafür ist aber, dass es sich um dasselbe Gebinde handelt. Wenn Sie also das Glas Nussnugatcreme letzte Woche noch für 1,36 € gekauft haben und jetzt für 1,56 € kaufen sollen, fällt das einer ganz erheblichen Zahl von Verbrauchern auf. Die Folge ist Verärgerung und nicht selten der sogenannte Konsumverzicht. Der Verbraucher wendet sich für eine vorübergehende Zeit von einem Produkt ab, weil er sich über das Produkt den Hersteller geärgert hat. Während dieser Zeit ist der Konsument (jedenfalls entspricht dies einer weit verbreiteten Meinung) besonders anfällig für Konkurrenzangebote.

Tatsächlich haben Hersteller Angst davor, ihre Preise zu erhöhen. Sie gehen (zurecht) davon aus, dass es für ein Produkt, insbesondere für ein sogenanntes „etabliertes Produkt“, das bereits eine feste Käuferschicht mit Stammkunden erschlossen hat, einen bestimmten „Preispunkt“ gibt, zu denen es sich optimal verkaufen lässt. Ist dieser Preis einmal gefunden, fürchten sich Hersteller geradezu panisch davor, den Preis zu erhöhen und so als „Preistreiber“ oder als „gierig“ dazustehen.

Die Antwort hierauf ist der sogenannte Vorteilspack: Erst wechselt man von einem kleinen Gebinde auf ein größeres (z.B. 250 g auf 325 g). Oft sinkt in dieser Zeit sogar der Grundpreis, also der Preis pro 100 g, wodurch tatsächlich ein wirtschaftlicher Vorteil für den Konsumenten entsteht. Nach dem Ende der Übergangszeit kehrt man dann aber auf das alte, kleinere (z.B. 250 g-große) Gebinde zurück und kann nun aber einen höheren Preis verlangen. Kaum ein Konsument ist dann noch in der Lage, sich entsprechende Einzelpreise zum Vergleich über mehrere Monate hinweg zu merken.

Wann immer Sie also einen sogenannten „Vorteilspack“ bei ihrem Lieblingsprodukt sehen, sollten Sie mit einer baldigen Preiserhöhung rechnen. Dies ist die traurige Botschaft des Vorteilspacks.

Rechtlich legal!

Immer noch trifft man gelegentlich auf die Ansicht, entsprechende Vorteilspacks seien rechtswidrig. Woher genau diese Auffassung im jeweiligen Fall stammt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Allerdings gibt es hierfür eine relativ wahrscheinliche Erklärung.

Eine in Deutschland rigoros verteidigte Regelung schrieb für eine Vielzahl von Waren feste Füllmengen vor. Bis in die 2000er Jahre gab es Regelungen in vielen europäischen Staaten, nach denen bestimmte Arten von Produkten nur in festen Gebindegrößen verkauft werden durften. Hierzu zählte zum Beispiel Butter, die immer in Stücken zu 250 g oder Milch, die in 1 l-Tüten verkauft werden mussten.

Großgebinde gab es nur für den gewerblichen Bereich und der Normalverbraucher konnte diese nur bestaunen, wenn er über die Metro-Karte eines Bekannten einmal in Großhandel einkaufen ging, weil eine große Party bevorstand.

Der Hintergrund dieser Regelung war durchaus sinnvoll und löblich, führte er doch eine gute Vergleichbarkeit bei vielen Produkten des täglichen Lebens herbei. Wenn nämlich jede Butter von sämtlichen Anbietern automatisch in derselben Gebindegröße angeboten wird, sind die Preise problemlos vergleichbar.

Tatsächlich hatte sich seinerzeit aber zu Recht eine relativ breite Meinung in der Bevölkerung gebildet, die die festen Packungsgrößen für anachronistisch und unpraktisch hielt. Das seinerzeit typische Beispiel war der Senioren- bzw. Singlehaushalt, der schlechterdings Gebinde nicht in den oft zu großen Standard-Größen benötigte. Das damalige Schlagwort dazu waren die sogenannten Convenience-Verpackungen, die angeblich deshalb zum modernen Lebensstil vieler Menschen passen sollten, weil sie kleiner waren. Außerdem unterstellte man damals, dass bei kleineren Packungen weniger Ware beim Verbraucher verderben würde und daher auch weniger weggeworfen werden müsste.

Auch sei – und diese Kritik war durchaus berechtigt – die Gebindegröße oft willkürlich gewählt. Warum nämlich die Butter gerade in 250 g und nicht etwa in 200 g daherkommen sollte, ließ sich auch von Experten nicht wirklich schlüssig darlegen.

EU-weit endete die Pflicht zur Verwendung von Standard-Verpackungsgrößen (mit ganz wenigen Ausnahmen, etwa für Wein, Schaumwein und Spirituosen) daher am 11. April 2009. Seither gibt es die Milch auch in 0,9 l Milchtüten und die Schokolade auch in 85 g-Tafeln.

Das können Sie machen

Nach dem Wegfall der einheitlichen Packungsgrößen ist das Kaschieren einer Preiserhöhung durch zwischenzeitliche Verwendung eines Vorteilspacks absolut legal. Es gibt jedoch eine einfache Möglichkeit, entsprechenden Preiserhöhungen dennoch auf die Schliche zu kommen: Der EU-Gesetzgeber hat die mit dem Wegfall der einheitlichen Verpackungen einhergehenden Probleme geahnt und darauf geachtet, dass der Verbraucher nicht schutzlos steht.

Das schärfste Schwert des mündigen Kunden entstammt nämlich ebenfalls dem europäischen Recht. In der sogenannten Preisangaben-Richtlinie (in Deutschland umgesetzt durch die Preisangabenverordnung, kurz: PAngV) ist nämlich vorgegeben, dass für einen sehr großen Teil aller Konsumgüter der sogenannte „Grundpreis“ anzugeben ist. Die Besonderheit: Der Grundpreis ist unabhängig von der Gebindegröße. Damit ist es egal, ob das Gebinde 225, 265 oder 310 g Nussnugatcreme enthält, denn der Grundpreis wird stets auf eine feste Basisgröße (hier z.B. ein Kilo bzw. 100 g) berechnet. Der Grundpreis entlarvt daher jede verdeckte Preiserhöhung.

Aus diesem Grund sollten Sie beim Einkaufen immer auf den Grundpreis achten!

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