Gesundheit|

Die Homöopathiekritik hat sich seit Anfang des Jahres 2019 intensiviert. Spanien hat sich scharf gegen alle Arten von Pseudomedizin gewendet und dabei besonders die Homöopathie im Fokus. Frankreich hat seit Frühjahr 2018 eine intensive fachliche und gesellschaftliche Debatte über die Erstattungsfähigkeit der Homöopathie in der Krankenversicherung geführt. Dabei gab es noch einmal eine der größten Sichtungen der Studienlage und Stellungnahmen von der Ärztekammer über die Akademie der Wissenschaften bis hin zur höchsten Gesundheitsbehörde (Haute Autorité Santé). Alle kamen zum gleichen Ergebnis: Es gibt keinerlei Evidenzbelege für eine spezifische medizinische Wirksamkeit der Homöopathie. Frankreich hat daraufhin beschlossen, nach einer einjährigen Übergangszeit die Erstattung von Homöopathie durch die gesetzliche Krankenversicherung einzustellen.

England und Spanien sind schon weiter: beide sind dabei, der Homöopathie ihren Status als Arzneimittel zu nehmen bzw. zu bestreiten. Das berührt den europäischen Rechtsrahmen. Die EU-Arzneimittelrichtlinie verleiht nämlich Homöopathika auch auf EU-Ebene den Arzneimittelstatus (einzige Voraussetzung ist, dass ein Mittel “nach den homöopathischen Grundsätzen hergestellt” wurde) und schreibt den Mitgliedsstaaten vor, dass sie für diese Mittel ein vereinfachtes Registrierungsverfahren einzurichten haben (den sogenannten “Binnenkonsens“).

Spanien, derzeit der Vorreiter beim kritischen Umgang mit der Homöopathie, ergreift daher erste Initiativen, die auf eine Änderung dieses europäischen Rechtsrahmens abzielen. Dies wird auch für Deutschland wichtig werden, da gegen die EU-Rechtslage das Ziel, die Homöopathie nicht mehr im Arzneimittelgesetz zu privilegieren, nicht so ohne weiteres erreicht werden kann.

Das Informationsnetzwerk Homöopathie, unser Partner zu diesem Thema, hat sich deshalb – auch in unserem Namen – an deutsche Europaabgeordnete gewandt, um zu diesem für den gesundheitlichen Verbraucherschutz absehbar wichtigen Thema eine erste Basisinformation zu geben und um für die kommende Diskussion zu sensibilisieren. Nachstehend der Wortlaut dieses Schreibens:

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07.08.2019

Homöopathie in der EU-Arzneimittelrichtlinie

Sehr geehrte/r … !

Die Europäische Arzneimittelrichtlinie (Richtlinie 2001/83/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 6. November 2001, Amtsblatt der Gemeinschaft L 311, 28. 11.2001) stuft Homöopathika als Arzneimittel ein und fordert von den nationalen Regierungen ein vereinfachtes Registrierungsverfahren außerhalb der ansonsten vorgeschriebenen Arzneimittelzulassung.

Der Konsens der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft stuft die Homöopathie jedoch längst als spezifisch wirkungslose Scheintherapie ein, deren Verbreitung und „Beliebtheit“ völlig andere Grundlagen haben als die einer medizinischen Relevanz (Evidenz). In vielen Staaten setzt sich diese Erkenntnis inzwischen durch. Konsequenzen daraus liegen im wohlverstandenen Interesse der Gesundheit der Bevölkerung, die nicht weiter im Irrtum darüber belassen werden sollte, die Homöopathie sei eine vom Gesetzgeber ausdrücklich anerkannte, mithin mit dem Kredit der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit ausgestattete Therapieform.

Das Königreich Spanien wirbt diesbezüglich bereits für eine Änderung des europäischen Arzneimittelrechts, das homöopathischen Präparaten nicht nur per Definition die Arzneimitteleigenschaft zubilligt, sondern ihr noch zusätzlich das Registrierungsprivileg zugesteht. (siehe auch unter http://www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-8-2018-004948-ASW_EN.html). Dieser besondere Rechtsrahmen hat keine sachliche Rechtfertigung, wie auch der EASAC – als die EU-Organe beratende Institution – in seinem Statement vom 20.09.2017 (https://easac.eu/publications/details/homeopathic-products-and-practices/) eindeutig festgestellt hat.

Wir bitten Sie, auch im Namen des Deutschen Konsumentenbundes e.V sowie seiner Regionalverbände Nord und Süd, im Interesse einer wissenschaftsbasierten, ehrlichen und patientenorientierten Gesundheitspolitik um Ihre Unterstützung für eine Revision der Arzneimittelrichtlinie im beschriebenen Sinne, um damit gemeinschaftsrechtlich die Bahn für angemessene nationalstaatliche Regelungen freizumachen.
Über den wissenschaftlichen Stand zur Homöopathie können Sie sich u.a. auf der (mehrsprachigen) Webseite unserer Vereinigung informieren: www.netzwerk-homoeopathie.info .

Mit freundlichen Grüßen

Für das Informationsnetzwerk Homöopathie

Dr. Natalie Grams   –   Dr. Ing. Norbert Aust   –   Dr. Christian Lübbers

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Übrigens – es wäre keine schlechte Idee, mit diesem Text als Vorlage Ihren regionalen EU-Abgeordneten (aktuelle Liste hier) zu kontaktieren. Je mehr deutlich wird, dass sich viele Menschen in dieser Sache engagieren, desto größer sind die Aussichten, trotz der Lobbymacht der Homöopathie die kritische Position durchsetzen zu können.

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