Discounter|

Eine Geschichtsstunde

Bis in die 1950er-Jahre waren fast alle Markenprodukte in Deutschland preisgebunden, wodurch eine freie Preisbildung im Wettbewerb unterlaufen wurde. Der Hersteller konnte den Verkaufspreis festlegen. Es war damit egal, bei wem ein Stück Butter oder eine Dose Kondensmilch gekauft wurde.

Karl Albrecht Lebensmittel. Aus dem elterlichen Geschäft entwickelten die Albrecht-Brüder den Prototyp des Discounters: ALDI

Eine Gegenbewegung hierzu stellte zunächst der sog. Belegschaftshandel dar, den es auch in der Weimarer Zeit bereits gegeben hatte1. Hierneben eröffneten Kleinunternehmer Gewerbe, die als so genannte “Preisbrecher” versuchten, die Preisbindungen zu Unterlaufen. Die Verkäufe fanden nicht selten in Hinterhöfen oder aus Garagen heraus statt.

Die Marktmacht dieser Unternehmen war anfangs noch marginal. Jedoch wurde diese erste Discountwelle von einem Konsumorientierten Zeitgeist getragen. Der Wirtschaftshistoriker Berekokoven nennt dieses Phänomen ein

“Symptom für ein sich abzeichnendes höheres Preisbewusstsein”

Ludwig Berekoven: Geschichte des deutschen Einzelhandels, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1987, S. 93

der Verbraucher.

Anfangs ignorierten die Tradtionshändler das aufkommende Phänomen. Gelegentlich wurde wettbewerbsrechtlich gegen einzelne “Preisbrecher” vorgegangen.

Kinder der 60er​

Der Discounter nach heutigem Muster wurde (jedenfalls in Deutschland) im Jahr 1962 geboren als die Brüder Karl und Theo Albrecht die erste Filiale des Lebensmittelfilialunternehmens nach dem so genannten Discountprinzip umstellten.

Während sich die einen Zur Weltrevolution anschickten, revolutionierten andere den Handel.

Typisch sind dabei bis heute:

  • Kleine Sortimente (anfangs nur etwa 300 Artikel)
  • spartansiche, schmucklose Ladenausstattung (“die Ware ist der Schmuck”),
  • Verkauf von der Palette oder aus dem Lieferkarton heraus und
  • Preisversprechen (“Dauerniedrigpreise”)

Ab den 1960er und in den 1970ern kam es dann zu einer Vielzahler paralleler Gründung von Hardcore Discountern. Teils waren es Großhänder, die nun unmittelbar an den Verbraucher liefern wollten, teils waren es Traditionsunternehmen, die – oft anlässlich eines Generationenwechsels – neue Wege gehen wollten.

Zu dieser ersten Unternehmergeneration gehörte z.B. die Großhändler

  • Hugo Mann (Wertkauf),
  • Gerhard Ackermans (Allkauf, massa) und
  • Erivan Haub (Plus), aber auch
  • die Firma Terfloth & Snoek (Ratio).

Sie gründeten Einzelhandelsgeschäfte nach dem Großhandelsmodell (“Abholgroßmärkte“).

ALBRECHT-Filiale in Memmingen

Genossenschaftshändler unter Druck

Der klassiche Einzelhandel hielt zunächst mit Genossenschaftsmodellen dagegen, die versuchten mit dem Handel besonders günstige Einkaufskonditionen auszuhandeln, um den zunehmenden Druck auf die Handelsspannen abzufedern. Letztlich blieb den großen Genossenschaftshändlern nur noch die Option, auf den Zug aufzuspringen.

Die bereits in der weimarer Zeit gegründet “Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften”, kurz “Revisionsverband Westkauf” oder REWE zum Beispiel organisierte neu und Gründete die “Für Sie Handelsgenossenschaft eG”. Später gründete die REWE die Discounter-Tocher Penny.

Auch die bereits 1898 in Berlin als Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin (E.d.K.) und 1907 in Leipzig neu-gegründete EDEKA versuchte (allerdings meist erfolglos) dem Discounter-Boom der 1980er und 1990er Jahre etwas entgegenzusetzen. Heute betreibt auch der EDEKA-Konzern einen Discounter, nämlich die NETTO Markendiscount AG & Co KG.

Ab etwa 2005 setzten bei den drei großen Discountern (LIDL, ALDI Nord und ALDI Süd) eine massive Expansion ein. Binnen weniger Jahre wurden die Geschäfte auf die meisten Europäischen Staaten und später auf die USA ausgeweitet.

Der elitäre Club der 100er

In der Folge stiegen die Umsätze dieser drei Discounter rasant an und LIDL einerseits und die ALDI-Gesellschaften andererseits wurden zu den größten Discountern weltweit mit jeweils etwa 100 Mrd. EUR Umsatz pro Jahr.

Global betrachtet ist nur noch die u.s.-amerikanische Walmart-Kette größer, die allerdings nicht nur im Discount-Bereich tätig ist.

In Europa spielt nur noch der Französische Carrefour-Konzern in einer ähnlichen Gewichtsklasse.


Quellen:
1 Ludwig Berekoven: Geschichte des deutschen Einzelhandels, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1987, S. 93

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Alfred Wagg Pictures, Von Ludwig Binder / Stiftung Haus der Geschichte (CC BY-SA 2.0) und Thomas Mirtsch, CC BY-SA 3.0

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