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Oder: warum Influencer weder Solidarität noch Mitgefühl verdienen.

Der post-materialistische Plattformkapitalismus ist offenkundig ein Meister darin, auch noch diejenigen Lebensbereiche seiner Verwertungslogik zu unterwerfen, von denen man es noch vor wenigen Jahren nicht erwartet hätte. Und wie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip finden sich Menschen, die die vermeintliche Gunst der Stunde nutzen und sich gern kapitalisieren lassen.

Manche Menschen sind ob der Aussicht auf „Ruhm“ und vorgeblichen Wohlstand offenkundig bereit, für die Kommerzialisierung auch noch ihres privatesten Lebensbereiches alle Grenzen zu überschreiten. Nicht nur die Grenzen des Rechts, der Scham und des Anstandes

Und die Hürden sind nicht hoch: mit kaum 1.500 € Startkapital kann es losgehen. Aktuelle Handys und Kameras liefern für dieses Geld so gute Bilder, dass es für das eigene Youtube-Video locker reicht. Und schon nimmt das Selbstausbeuter-Konzept im Jugendzimmer Gestalt an.

Manche sind dabei vermutlich „Naturtalente“, für die Anderen gibt es (es war zu erwarten) Ratgeberliteratur und Coachings. Dabei ist es eigentlich so schwer nicht: Sympathie, Credibility, Wertekonsistenz (in der Komfortzone bleiben können), Reziprozität, Originalität und … Zeitgeisttauglichkeit („Social Proof“), dazu Kamerastative und ein Satz Baumarkt-Leuchten und auf geht es in die schöne neue Influencer-Welt. In ihren Videos, gaukeln Influencer ihrer Zuschauer-Zielgruppe, ihrer „Peer“, oft eine schillernde Scheinwelt vor. So what’s the harm?

Es ist nicht so sehr die zu vernachlässigende Zahl von „echten“ Influencern, über die sich die Gesellschaft den Kopf zerbrechen sollte, sondern die beachtliche Zahl an jungen Menschen, die sich an den Influencern ein Vorbild nehmen. Schulabschluss oder berufliche Qualifikation – braucht es nicht! Warum auch? Ein Blick in die Scheinwelt der Influencer verrät: reich und schön geht auch ohne Ausbildung und offensichtlich ohne jede Anstrengung. Und gelegentlich auch ohne moralisches Gefüge jenseits eines konsumorientierten Like-Fail-Schemas.

Gefährlich niedrige Schwelle

Die niedrige Hürde, die Social Media-Talente überspringen müssen um berühmt (und in sehr wenigen Fällen auch reich) zu werden bringt erhebliche Probleme mit sich, von denen nur eines sein dürfte, dass sie sich der Gewerblichkeit ihres Tuns nicht bewusst waren. Vielleicht ist es aber auch viel schlimmer und eine geschäftemacherische Durchtriebenheit lässt sie zu dem Schluss kommen, sie stünden über allen Gesetzen. Wo man sich doch schon (vermeintlich) den überkommenen Dogmen Ohne-Fleiß-kein-Preis und Ehrlich-währt-am-Längsten entzogen hat, was kümmert einen da denn schon, welche gesetzlichen Regeln für einen gelten?

Aktuell geraten Influencer mit diesem Gebaren dennoch unter Druck [1 2 3 4 5]. Die Rechtslage, mit der sie konfrontiert werden ist dabei nicht neu: Richtlinie AVMD-Richtlinie 2010/13/EU, Pressekodex und die UGP-Richtlinie (2005/29/EG) verbieten es seit Langem Werbung zu betreiben ohne über den Umstand aufzuklären, dass es sich um Werbung handelt.

Der Europäische Gerichtshof hat außerdem mit Urteil vom 09.06.2011 klargestellt (Az. C-52/10), dass für die Annahme von entsprechender „Schleichwerbung“ ein Entgelt oder eine ähnliche Gegenleistung an den Blogger keine Voraussetzung ist. Umso höher der werbliche Charakter des Posts, desto eher wird die werbliche Absicht angenommen.

Was bitte dachten sich die Influencer bei ihrem Tun also? Etwa dass das Gesetz nicht für ‚hippe‘ Leute gilt?

Discount-Rechtsbelehrung

Nun müssen die Damen und Herren Influencer nachträglich also rechtsbelehrt werden. Und auch hier sind die Einstiegskosten gering: Verbandsabmahnungen kosten zwischen 160 € bis 280 €. Das ist winzig, verglichen mit Honoraren, die Influncer laut einer #INREACH-Umfrage in Deutschland durchschnittlich erzielen. Diese liegen nämlich bei 600 €. Eine Abmahnung entspricht mithin etwa 40% des nächsten Postings (oder es letzten).

Zufrieden zeigten sich die Influencer in derselben Umfrage aber mit diesem Wert nicht. Gefragt, welchen Wert sie als „fair“ ansehen würden, ergab sich ein Betrag von 850 Euro je Posting. Stattlich!

Zeitgeist aus der Flasche

Wenn wir uns dereinst an diese Jahre zurückerinnern und uns fragen, welche Berufe prägend für die Zeit des aufblühenden Plattform-Kapitalismus waren, werden wir vermutlich sagen: Influencer und Lieferdienstmitarbeiter. Und vielleicht werden wir uns auch daran erinnern, wie der eine Berufsstand in Selbstmitleid zerfloss, sobald man ihn an so etwas banales wie „Rechtseinhaltung“ erinnerte, während sich der andere Berufsstand nicht einmal mehr traute einen Betriebsrat zu gründen, um für seine Rechte einzutreten.

Vielleicht gibt es zwischen all den trompeteten Hallooooo-s die eine oder den anderen, der bereit ist, einzusehen, dass Influencer nur Jahrmarktattraktionen für Plattformenkonzerne sind. Die bärtigen Ladies sozusagen, die die Kundschaft anlockt und in die Affiliate-Links treibt. Viellicht werden einige von diesen Menschen auch verstehen, dass am „receiving end“ ihrer Strasssteinchen-Welt hunderttausende Menschen stehen, die für Lieferdienste schuften, um den ganzen geinfluencten Klimbim zu den Kunden zu tragen; … zu uns zufriedenen Kunden.

Autor: UH

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